Hinschauen oder wegschauen

Hinschauen oder wegschauen - Aufmucken oder hinducken
Ein deutsches Wochenende in Erding und Dorfen 

Das Wochenende vom 19. bis 21. Mai 2006 sollte dem Landkreis Erding gleich zwei Ereignisse bescheren, die in der regionalen Presse eine beachtliche Resonanz fanden.

In der beginnenden Dunkelheit des Freitags wurde im Erdinger Zentrum ein sog. Großer Zapfenstreich aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Bundeswehrstandorts abgehalten. Martialische Auftritte dieser Qualität hatte die Kreisstadt zuletzt in den späten 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erleben dürfen, als die damalige Wehrmacht in Vorbereitung auf den 2. Weltkrieg auf dem Adolf-Hitler-Platz die Verbundenheit Armee und Bevölkerung demonstriert hatte. Korrekterweise bedarf der Vergleich einiger Einschränkungen. Einen Adolf-Hitler-Platz gibt es heute in Erding nicht mehr. Und damals hatte es auch noch keine Handynutzer gegeben, die das Spektakel hätten stören können. Da aber in letzter Zeit die Zapfenstreiche wieder mehr geübt werden (analog zu den Kriegseinsätzen), kann die Erdinger SZ stolz vermelden: „Reibungslos ging der Zapfenstreich vonstatten.“ Eher betrüblich dann der Hinweis, dass “trotz der Einweisung durch Oberleutnant Holzner..den Nicht-Militaristen im Publikum der Sinn mancher Handlung verborgen“ blieb. Wollte die Redaktion der wirtschaftsliberalen SZ  mit der Vermutung, es habe unter den Zuschauern auch Nicht-Militaristen gegeben, die Masse der Anwesenden als Militaristen denunzieren?  Der Tenor der gesamten Berichterstattung  widerspricht dem. Außerdem kann sich die Redaktion zugute halten, dass sie im Vorfeld der Feierlichkeiten  in der Hofberichterstattung gegenüber der Bundeswehr eine Untertänigkeit an den Tag gelegt hat, die kaum noch zu toppen ist. So fand sich kein Platz für folgenden Leserbrief:

Leserbrief zu:
„Erdinger Soldaten üben den Großen Zapfenstreich“, ErdSZ vom 5.5.06

Der Erdinger Fliegerhorst, dem ich zu Beginn der 70er Jahre die Ehre hatte, einige Zeit als Wehrpflichtiger und abgelehnter Kriegsdienstverweigerer (also unfreiwillig) anzugehören, feiert demnächst sein 50-jähriges Bestehen. Anlass für einen Großen Zapfenstreich. Das sei lt. Bundeswehrerklärung   „die höchste Form der militärischen Ehrerweisung...an die Erdinger Bürger“. Man wolle eine „perfekte Vorstellung“ liefern.

Der Artikel, in dem lediglich die Bundeswehr zu Wort kommt, geht leider nicht auf die Tradition ein, die besagter Zapfenstreich verkörpert. Deshalb möchte ich ein paar Ergänzungen anbringen. Nebenbei soll auch daran erinnert werden, dass der Landkreis Erding in den 80er Jahren eine besonders rührige Friedensbewegung hatte, die ein militärisches Spektakel wie den Zapfenstreich mit angemessenen Begleitaktionen zurechtgerückt hätte. Wir haben jetzt aber andere Zeiten. Der Feind im Osten hat kampflos das Feld geräumt und damit nicht zuletzt die Bundeswehr  in Existenznöte gebracht  Mittlerweile hat man es geschafft, neue Konfliktherde auszumachen und sogar weltweit für die Bundeswehr Einsatzmöglichkeiten auszuhandeln, was ja auch der allgemeinen Tendenz der Globalisierung entspricht. Darüber hinaus wird mit derartigen Einsätzen die Demokratiebewegung bis tief in den Hindukusch und demnächst sogar in den Kongo hinein gefestigt. Somit hat sich die Bundeswehr von einem notwendigen Übel doch noch zu einer guten Sache entwickelt.

Woher kommt nun der Große Zapfenstreich?

Der frühe Zapfenstreich war noch kein großer und hatte dazu gedient, die Landsknechte nachts aus den Kneipen herauszuholen. In den preußischen Heeren wurde er zum Ritual weiterentwickelt. 1838 kam es zur ersten Aufführung des „Großen Zapfenstreichs“. Dass die Bundeswehr von der zwangsweise aufgelösten Wehrmacht dieses Ritual übernahm, zeigt eine Traditionslinie auf, die mit demokratischen Traditionen nichts zu tun hat („Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“). Der Große Zapfenstreich negiert alle Werte, die im Konzept „Staatsbürger in Uniform“ (Wolf Graf von Baudissin) angelegt waren und vereint das Schlechteste an preußisch – deutscher Geschichte.

Wolfram Wette, früherer Militärhistoriker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Freiburg, spricht von einem „antiquiertem militärischen Zeremoniell, das auf eine hochemotionalisierte Weise den Verstand ausschalten soll“. ( Bsp. Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“, „Helm ab zum Gebet“ ).

Heute werden Bundespräsidenten und Bundeskanzler wie selbstverständlich mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Im Unterschied dazu gab’s einmal einen Bundespräsidenten namens Gustav Heinemann, der zog eine Bootsfahrt auf dem Rhein mit geladenen Gästen dem militärisch-religiösen Ritual vor. In Erding gibt’s zwar keinen Rhein, das spricht aber noch lange nicht für den Großen Zapfenstreich.

Dorfen, den 11.5.06

Wenn die Süddeutsche Zeitung mit diesem Verhalten politisch mit dem Münchner Merkur gleichzuziehen versucht, erreicht sie eine neue „Qualität“, die wir zur Kenntnis nehmen sollten.

Dass das Interesse von „Besuchermassen“ (ErdSZ) auch an den folgenden Tagen dem Bundeswehrstandort Erding gehörte, soll hier der Vollständigkeit halber erwähnt werden. „Störer“, so werden in der neoliberalen Zeitung Antimilitaristen bezeichnet, wurden nicht gesichtet. So weit, so schlecht.

Am folgenden Tag suchten wieder einmal süddeutsche Neo- und Altnazis Dorfen auf, um nach einigen abgesagten Terminen nicht den Eindruck zu erwecken, sie könnten ihre (noch) bescheidene Klientel nicht mehr mobilisieren.

Ein Naziaufmarsch war zu erwarten, nachdem der Dorfener Anzeiger in seiner Berichterstattung über das Jugendzentrum Artikel produziert hatte, die im Internet von den Nazis kommentarlos übernommen und verbreitet werden konnten. Des weiteren  dürfte sich bei den braunen Kameraden herumgesprochen haben, dass das Dorfener Parteienbündnis „Eine Stadt sagt Nein“ mittlerweile auf Wegschauen orientierte und somit der aktive Widerstand geschwächt sein würde.

Was sich aber dann tatsächlich abspielte, überraschte alle Aktiven im „Bündnis gegen Nazis“ (mit Ausnahme der Stadtratsmitglieder). Die Polizeipräsenz übertraf alles bisher da gewesene  und verunmöglichte jeden Versuch die Nazis aufzuhalten bzw. ihren Aufmarsch wirksam zu behindern.

Sollte damit dem Bündnis das Signal gegeben werden: Jeder aktive Widerstand gegen die Naziaufmärsche ist aussichtslos? Die Polizei wird auch künftig eine reibungslose Durchführung von Aufmärschen inklusive Nazipropaganda garantieren.

Mit der Polizeipräsenz wurde gerechnet. Solange die Polizeiführung kein anderes politisches Signal erhält als bisher wird sie sich in bekannter Weise verhalten.

Die eigentliche Überraschung ist folgendem Flugblatt zu entnehmen:

Dass relevante Teile des Dorfener Parteienspektrums schon bisher aktionsorientierten Formen des Widerstands gegen Nazis ablehnend gegenüberstanden, ist keine neue Erkenntnis. Wenn aber das gesamte Parteienspektrum dazu aufruft, an „Gegendemos“ (was immer man/frau darunter verstehen mag) nicht teilzunehmen, muss uns das hellhörig machen.

Es ist schon merkwürdig. Da bezeichnen sich Parteienvertreter als Aktionsbündnis und wollen partout Aktionen verhindern. Und an diesem „Aktions“bündnis beteiligen sich auch Parteienvertreter, die sich als Privatpersonen im „Bündnis gegen Nazis“ für Aktionen aussprechen. Vielleicht erklärt uns jemand aus dem GAL/SPD Spektrum bei dem nächsten Bündnistreffen, wie das alles zusammengehen soll.

Hilfreich könnte dabei eine aktuelle Äußerung von Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sein:

„Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie und warum Politiker von einer Demonstration gegen die NPD abraten können.“ ... „Wir dürfen den Nazis nicht die Gelegenheit geben, sich in unseren Städten auszubreiten und das öffentliche Bild zu dominieren.“ (zit. nach SZ, 17.6.06)

Bei der Gelegenheit sollten wir gleich einen weiteren merkwürdigen Sachverhalt aus dem Flugblatt zur Debatte stellen. Es handelt sich um folgende Aussage:

„An unserem Stand auf dem Marienplatz informieren wir Sie sachlich über politischen Extremismus von Rechts wie von Links.“

Interessanterweise wird von den Verfassern des Flugblatts der Extremismus der Mitte nicht erwähnt. Das ist kein Zufall. Schließlich dürften sich die „Aktions“bündnisparteien als Anhänger der Totalitarismustheorie verstehen. Da ist dann rechts gleich links und alles zusammen totalitär. Wer sich zur guten bürgerlichen Mitte zählt, hält sich da fern, hält sich raus, kümmert sich um seine eigenen Geschäfte. Somit stören Nazis wie Gegendemonstranten  die vermeintlichen Einkaufsbedürfnisse der Bevölkerung. Marschieren nur die Nazis, stört das Verkaufen und Kaufen weniger.

Wir waren in Dorfen da schon mal weiter. Wir waren fast so weit, dass ein beachtlicher Teil der Dorfener Bevölkerung den Nazis offensiv gegenübergetreten wäre und deren Eindringen in die Stadt unterbunden hätte.

Jetzt heißt das von oben herunter und aus der Mitte heraus propagierte Motto:

Eine Stadt sagt Nein - lasst die Nazis marschieren – schaut weg und stört sie nicht!

he, 17.Juni 06