Was lockt die Nazis nach Dorfen?

Was lockt die Nazis nach Dorfen?

Während die 4 ersten, zu Jahresbeginn angemeldeten allmonatlichen, Naziaufmärsche ausfielen, fand am 20.5.06 wieder eine Nazi-Demo statt. Wer nach den Gründen für diese Wiederaufnahme sucht, wird auf der Nazi-site „altermedia.de“ (http://de.altermedia.info/general/nationale- demo-am-6-mai-in-dorfen-020506_5505.html) fündig: Präsentiert werden dort zwei Artikel des Münchner Merkur über das Dorfener JZ, die den Faschisten offenbar nicht nur aus dem Herzen sprechen, sondern auch als „Anlaß … für nationale Kreise zum dritten Mal zu einer Demonstration gegen das besagte Jugendzentrum in Dorfen zu mobilisieren“bezeichnet werden. Grund genug, sich diese „Berichterstattung“ genauer zu betrachten.

Erinnern wir uns: Eine von der NPD präsentierte Initiative "Schöner leben in Dorfen" forderte "JZ Dorfen e.V. verbieten" und "Jugendzentrum an der Jahnstraße schließen". Die bei jeder Naziaktion in Dorfen widergekäuten Behauptungen waren, das JZ sei ein linksextremistischer Hort der Kriminalität und des Drogenkonsums. Beweise für diese Behauptungen wurden natürlich nie geliefert - wie auch - vielmehr wurde darauf vertraut, daß sich das oft in der Lokalpresse negativ gezeichnete Bild der Jugendeinrichtung zur Profilierung der NPD als Kraft für Ruhe, Sauberkeit und Ordnung benutzen ließe.
Daß sich das Verhältnis des JZ zur Stadt Dorfen stabilisierte, ein neuer Nutzungsvertrag zustandekam und die Naziaktionen in Dorfen fürs Erste zum Erliegen kamen mußte jedoch schon nach wenigen Monaten als nur vorübergehende Ruhe gelten.

Am 28.3.06 titelte der Dorfener Anzeiger (Lokalblatt des Münchener Merkur - im weiteren 'DA') "Wilde Sauf-Party im Jugendzentrum" und bot eine zwar gewohnte, wenngleich aber immer wieder erschreckende "Berichterstattung": Aus einem Fest, bei dem ein Teil der Einnahmen zur Unterstützung eines Dorfeners gedacht war, der im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Naziaufmarsch eine Geldstrafe erhalten hatte, machte der Dorfener Anzeiger kurz und knapp und nach dem gewohnten Inländer/Ausländer-Schema ein "Solidaritätsfest für einen Ausländer". Im weiteren unterschlägt der Artikel den absolut friedlichen und positiven Charakter des Festes, das Jugendliche unterschiedlichster Cliquen und Strömungen miteinander feierten. Stattdessen hebt der Artikel wie so oft auf einen Polizeibericht ab, der 2 Rettungseinsätze nennt, bei denen 2 betrunkene Jugendliche behandelt wurden. Mit dem Polizisten Klinger, der dem DA als kompetent in Jugendfragen gilt, zeigt man sich im Artikel "bestürzt, daß Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wird."

Alle späteren Beteuerungen des JZ, ein 13-jähriger habe sich anderswo den Alkohol besorgt, können die Wirkung, die die Meldung des DA entfaltet, nicht mehr verhindern. Was der DA als "Sauf-Party", noch dazu als "wilde" bezeichnet und von alleroberster Instanz, einem Dorfener Polizisten, negativ kommentiert wird, muß von einer konservativen Stadtführung natürlich sanktioniert werden: Ein dreimonatiges Alkoholverbot wird "über das JZ verhängt" (DA, 18.4.06).

Als negativer Höhepunkt des Artikels muß die Behauptung einer Unwahrheit gesehen werden, die bisher nur aus faschistischen Kreisen zu hören war:"... in der Vergangenheit war der Treff (das JZ, d.V.) wegen Alkohol- und Drogenpartys aufgefallen." Was auf den ersten Blick wie eine einfältig-wohlwollende Übernahme der Nazi-Legende aussieht, ist näher betrachtet jedoch ein weiterer Versuch, mit herbeigeschlagzeilten "Drogen-Skandalen" den Absatz des rechts-konservativen Heimatblättchens sicherzustellen. Lange bevor nämlich die NPD in Dorfen ihr Glück versuchte, es war im Februar 1997, behauptete der DA, am Dorfener Gymnasium eine Drogenszene ausgemacht zu haben: "Drogen: Am Dorfener Gymnasium ist von Haschisch bis Heroin alles zu bekommen - Bis zu 200 Schüler sollen regelmäßig Rauschgift konsumieren" lautete dereinst die Schlagzeile. Die ganze, groß aufgebauschte Geschichte fiel letztlich in sich zusammen, nicht ohne daß der DA für diese Art von "Journalismus" eine Rüge vom Presserat erhielt (Deutscher Presserat, Jahrbuch 1997, S.132).

Doch zurück ins Jahr 2006: Wenige Tage nach dem Artikel durften Leserbriefschreiber, offensichtlich angeregt von der Berichterstattung über die "wilde Saufparty", im DA ihrer Abneigung gegen das JZ auf teilweise beleidigende Art ("Drecksloch") freien Lauf lassen. Einer dieser Leserbriefschreiber, ein altbekannter Erzfeind des JZ, prominentes CSU-Mitglied und ehem. Stadtrat, hat nun eine Bürgerinitiative zur Schliessung des JZ angekündigt, falls das "alkoholfreie Vierteljahr" keine Besserung bringe, da das JZ eine "Keimzelle der Kriminalität" darstelle (DA, 18.4.06).

Den Nazis klang diese lokale Aufwallung gegen das JZ wie Musik in den Ohren. Vom Artikel über die "wilde Sauf-Party" war das rechtsextreme Internetprojekt altermedia jedenfalls so angetan, daß es ihn vollständig und unkommentiert veröffentlichte, da "er eigentlich so für sich spricht, daß es von unserer Seite (altermedia, d.V.) keines weiteren Kommentars bedarf"(http://de.altermedia.info/general/nichts-neues-aus-dorfen-290306_5060.html).

So kam denn die erneute Nazi-Demo auch wenig überraschend: Wo so beharrlich und öffentlich Ressentiments gegen eine emanzipatorische, unangepasste Jugendkultur geschürt werden – natürlich nicht ohne den eigenen Vorteil, verkaufssteigernde „Skandale“ präsentieren zu können – kann sich eine „Nationale Opposition“ gar nicht anders verhalten, als empörten Kleinbürgern anzubieten, gemeinsam für „Recht und Ordnung“ zu sorgen.

Stefan Brandhuber, 1.6.06